Sackgasse 21

Posted on November 28, 2011

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So. Der Volksentscheid zu Stuttgart 21 ist vorbei, der Wahnsinn “demokratisch legitimiert”. Ich bin enttäuscht, fassungslos; und irgendwie auch schon wieder ziemlich wütend, dass man so ein Projekt überhaupt bis hierher bekommen hat – so weit, dass man es jetzt von alleine scheitern lassen muss. Eine Verschwendung unglaublichen Ausmaßes, die keine Verbesserung bringen wird – egal, wie sehr man versucht, das der Bevölkerung einzureden. Wenn ich allein schon an die Bäume und historischen Gebäude denke, die S21 zum Opfer fallen werden, könnte ich schon wieder kotzen. Und heute redet die Bahn dann schon wieder von Mehrkosten – einst steht fest: Die Sache ist noch nicht durch.

Ich glaube, die Vorversion von Lily aus meinem NaNo 2010 versteht ganz gut, wie ich mich fühle, auch wenn es bei ihrem Kindheitserlebnis um etwas ganz anderes ging:

“Wisst ihr, in der Nähe unseres Ortes gab es mal ein Wäldchen, Als kleines Kind habe ich da immer mit meinen Freunden gespielt, meistens Cowboys und Indianer. Das Wäldchen war das Paradies meiner Kindheit, meine kleine heile Welt. Wenn die Indianerbande der Nachbarskinder kam, vertrieben wir sie eben mit Wasserpistolen und feierten freudestrahlend und lachend unseren kleinen Triumph. Manchmal spielten wir sogar mit ihnen zusammen und rauchten Friedenspfeife – sprich: wir rollten Laubblätter ein, stopften sie mit Moos und bliesen dann imaginären Rauch in die Luft. An meinem Geburtstag zündete mein Vater uns meistens sogar ein echtes Lagerfeuer an, an dem wir dann saßen, die Friedenspfeife herum gaben und lauthals Indianerlieder sangen, die  mein großer Bruder sogar auf Gitarre spielen konnte. (Dafür bewundere ich ihn noch heute heimlich. Ich wollte auch immer Gitarre spielen lernen, habe aber jeden Versuch resigniert wieder abgebrochen. Er war da einfach begabter, was ich oft ziemlich ungerecht fand. Aber wenn er sich an meinem Geburtstag doch mal dazu herabließ, nicht die Augen zu verdrehen wenn er uns sah und stattdessen für uns zu spielen, war das schon ziemlich cool.)
Wenn wir da in unserem „Revier“ waren, hatten wir das Gefühl, frei und unabhängig zu sein. Niemand konnte uns irgendwas anhaben, keiner hatte uns was zu sagen – außer „Komm jetzt endlich nach Hause, das Abendessen wird kalt!“ natürlich. Wir konnten wirklich Tage und Wochen in diesem Wald verbringen, ohne des Cowboy-und-Indianer-Spiels müde zu werden. So ein echter Cowboy lebt schließlich auch sein ganzes Leben lang und nicht nur ein paar Tage, wenn er vielleicht mal Lust dazu hat! Oder habt ihr schon mal einen Westernfilm gesehen, in dem der Bandenchef nach ‘ner halben Stunde den Hut abnimmt, ihn in die Ecke schmeißt und schreit: „Ach scheiß halt drauf, dann geh’ ich jetzt eben Gameboy spielen, das macht mehr Spaß!“ Nein. Außerdem war ein Gameboy auch so etwas, was nur mein großer Bruder hatte; ich brauchte so was nie. Was will ich denn bitte Geld dafür ausgeben, dass ich auf einem komischen Kasten mehr oder weniger verpixelte Figuren rumscheuchen konnte? Da machte es eindeutig mehr Spaß, die Katze eines unserer ständig übel gelaunten Nachbarn zu jagen, wenn sie sich zu uns ins Wäldchen verirrte. Zumal diese fiesen Ritter in einem der Spiele die mein Bruder immer spielte mich eh immer plattmachten. An Tagen, an denen er gut gelaunt war und mich ausnahmsweise mal spielen ließ, selbstverständlich. Das kam aber nicht sonderlich oft vor, wie ihr euch denken könnt.
Aber irgendwann hat das dann auch aufgehört mich zu stören, da ich wie gesagt nicht sonderlich viel von Computern und anderem Technikkram halte. Jedenfalls habe ich diese Meinung ziemlich lange standhaft aufrecht erhalten. Selbst als ich auf die Gesamtschule kam, habe ich mir kein Handy gekauft, obwohl alle meine Mitschüler auch eins hatten und damit auch regelmäßig angegeben und mich aufgezogen haben. Ich wollte mit diesem ganzen Zeug nie was zu tun haben. Diese ganzen Dinge, die verdeutlichten, für wie toll sich die Menschheit wohl hält. Aus Prinzip. Oder aus Protest. Prinzipieller Protest, sozusagen. Manchmal können sie mich einfach alle mal!
Aber was ich eigentlich erzählen wollte: Auch mein kleines Paradies wurde zerstört. Meine heile Welt wurde zerschlagen, wie eine Seifenblase, die gegen den Ast eines Baumes fliegt. Wessen Traumwelt hält schon ewig?
Wir haben wirklich versucht, unsere zu verteidigen. Als die Männer mit Kettensägen und Planierraupen kamen, haben wir sie mit unseren Wasserpistolen beschossen. Aber sie haben nur verärgert abgewunken und sich ansonsten nicht weiter stören lassen. Das Wäldchen war wenige Tage später weg; jetzt steht da eine kleine Villa. Wie schön es doch sein muss, die ganze Welt eines Kindes kaufen zu können! Wissen diese Leute eigentlich, wie ich mich damals gefühlt habe?! Wahrscheinlich interessiert es sie nicht mal. So ist es nun mal, Geld regiert die Welt. Und der Rest muss sehen, wo er bleibt.”