Die verlorene Glaubwürdigkeit

Posted on April 29, 2012

1


Aus Gründen der Geselligkeit habe ich mich gestern zu etwas hinreißen lassen, das ich vorher noch nie in meinem gesamten Leben getan hatte: Ich habe mir – zusammen mit meiner Familie – das DSDS-Finale angesehen.
Nun, was soll ich sagen: Die Show lief noch keine fünf Minuten und ich musste mir schon mehrere bissige Kommentare verkneifen, die der abendlichen Stimmung sicher nicht gut getan hätten. Von Bloßstellung, Vertragsbedingungen und unmöglichen Sprüchen seitens Dieter Bohlen will ich an dieser Stelle gar nicht mehr reden. Es geht mir um etwas Anderes: Wie glaubwürdig ist diese Show eigentlich noch? Mir klingt ob dieser Frage schon jetzt euer Spottgelächter in den Ohren. Und doch hat Marco Schreyl ja irgendwie Recht, wenn er sagt: “Die Nation ist in Finalstimmung!” Ist es nicht toll, wenn man mit seinem Anruf oder seiner SMS, quasi in direkter Demokratie, bestimmen kann, wer Superstar 2012 wird? Eigentlich: Ja! Aber ist dem denn auch so? Oder steht der Gewinner schon vorher fest? Alles nur gefakt – wie die Zwischenergebnisse 33%-33%-33% und 50%-50%, die einfach unrealistisch sind?
RTL kennt all diese Vorwürfe natürlich und betonte im Laufe des Abends immer wieder, dass alles korrekt und ehrlich abgelaufen sei. Und als entgegen meiner Erwartung, dass, wie am Mittwoch wegen technischen Fehlern schon auf der Website von RTL zu lesen gewesen war, Daniele gewinnen würde, Luca zum Superstar gekrönt wurde, meinte meine Schwester: “Siehst du, es stand doch noch nicht fest!” Eigentlich ist die Erklärung, die RTL abgegeben hat, auch nicht gerade abwegig: Nachrufe werden ja auch meist schon lange vor dem Tod der betreffenden Person verfasst, wieso sollte man also nicht schon für jeden der beiden möglichen Gewinner eine entsprechende Seite gestalten?
Aber die Sache ist die: Wenn ich bei RTL arbeiten würde (was ich niemals tun werde!) und entschieden hätte, Daniele in einer Fakewahl zum Superstar 2012 zu machen, und das dann schon auf der Seite zu lesen war, würde ich natürlich dann erst Recht Luca gewinnen lassen, um genau diesen Zweifel auszuräumen. Dass Daniele DSDS doch nicht gewonnen hat, beweist genau genommen noch gar nichts. Im Ernstfall höchstens ein gewisses strategisches Geschick seitens der Produktionsleitung. Und wie singen Tocotronic so schön: Im Zweifel für den Zweifel.
Doch das Problem der Unglaubwürdigkeit hat nicht nur RTL – es zieht sich auch quer durch die Politik. Nehmen wir als Beispiel einmal die Grünen: Im Rahmen der Hochtour in Schleswig-Holstein, wo nächsten Sonntag Landtagswahlen sind, habe ich die beiden Kandidaten der Grünen Jugend auf der Grünen Liste kennen gelernt und mich mit ihnen sowohl über das Wahlprogramm als auch die anderen Listenkandidaten unterhalten. Die grüne Partei hat in Schleswig-Holstein (und nicht nur da!) junge, engagierte Leute, die sich wirklich Gedanken machen; die meinen was sie sagen und denen es wirklich um die Menschen und Projekte geht, nicht um die Macht. Ich bin der festen Überzeugung, dass sie toll regieren würde – wenn man sie ließe. Aber während ich das noch denke, erheben Umfragen die Piraten zur drittstärksten Partei im Land, werden die Hashtags #wasmirdiegrünejugendgebrachthat und #dassindmeinegrünennrw getrollt. (Dass das soweit ich mitbekommen habe hauptsächlich durch Piraten geschehen ist, ist dabei relativ unrelevant, weil ich mich weigere, das Verhalten Einzelner – auch wenn es mehrere sind – auf eine ganze Partei zu beziehen.) Auch Bündnis 90 wird als unglaubwürdig dargestellt – aufgrund von Fehlern, die Robert Habeck zwar nicht begangen hat, die aber im Namen seiner Partei geschehen sind. So werden Menschen für unwählbar erklärt, die auf die Entscheidungen, die dies begründen, gar keinen oder kaum Einfluss hatten – und ihnen wird so die Chance genommen, das Gegenteil zu beweisen. So was finde ich traurig. Aber der Reflex in der Bevölkerung ist natürlich: Leute unter diesem Logo haben uns schon einmal enttäuscht, die wollen wir nicht wieder.
Und obwohl ihre Umfragewerte immer noch steigen, sind inzwischen sogar auch die Piraten schon mit dem Vorwurf beziehungsweise dem Problem konfrontiert, die von ihnen vertretenen Werte gar nicht so verwirklichen zu können, wie sie es kommunizieren oder sich wünschen.
Aber man braucht ja gar nicht erst in die Opposition zu schauen, um Unglaubwürdigkeit zu finden. Nur zu gut erinnere ich mich, wie man vor gut einem Jahr als Verschwörungstheoretiker und ewiger Nörgler galt, wenn man das ernsthafte Interesse von Schwarzgelb an der Energiewende in Frage stellte. “Warum demonstriert ihr denn immer noch? Ihr habt doch jetzt, was ihr wolltet!” hieß es da oft. Wir sind bei einer gewissen Skepsis geblieben – um dieses Jahr erkennen zu müssen, dass wir damit leider richtig lagen und die Bundesregierung im Zuge ihrer oh so wirklich ernst gemeinten Energiewende erst mal die Solarförderung um 30% kürzt. Während aus Fukushima die Nachricht kommt, dass die hohen Strahlenwerte sogar den Robotern im AKW ernsthaft zu schaffen oder ihren Einsatz sogar unmöglich machen.

Wer endlich mal wieder glaubwürdige Politik möchte, sollte am 6. Mai und am 13. Mai grün wählen. Aber das ist nicht alles, was ich mit diesem Blogpost sagen möchte. Vielmehr ist er ein Appell an Angela Merkel und Co: Hört auf, auf Stimmungswellen zu surfen und macht endlich wieder ernsthafte Politik! Setzt den Willen eures Volkes um und bleibt auch bei dem, was ihr und sagt und versprecht! Und das Selbe gilt auch für RTL: Ich möchte gerne meinen Kandidaten unterstützen und mit ihm mitfiebern. Aber ich möchte nicht das Gefühl haben, dass ich dabei laufend verascht werde, nur damit die Quote stimmt. Danke.

Posted in: Meinung, Politik