Von virtuellen Eliten und echten Herzmenschen

Posted on August 25, 2012

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“Hey, ich bin’s. Voretta, Vanessa – was dir lieber ist. Ich wollte mal fragen, ob du es nun heute hierher schaffst?”
Ich sitze in einem kleinen Dortmunder Café, mir gegenüber eine gute Bekannte. Oder Fremde? Schwer zu sagen. Auf Twitter schreiben wir uns schon seit fast zwei Jahren, aber es ist das erste Mal, dass sie mir wirklich gegenübersitzt. Das Treffen war relativ spontan gewesen. Als eine Freundin absagen musste, hatte ich sie heute Morgen noch angeschrieben und war dann in den Zug gesprungen.
Kurze Zeit später betritt ein Junge in meinem Alter das Café. Er trägt das T-Shirt einer Metalband und passende Wristbänder. Erkennen tue ich ihn allerdings nur an dem suchenden Blick, den er über die Tische schweifen lässt, und dem kurzen Nicken, als er mich sieht. Ich kenne zwar große Teile seiner unglücklichen Liebesgeschichte des vergangenen Jahres, aber bis heute nicht seinen Nachnamen. Und wenn er mich nicht erkannt hätte, hätte ich keine Chance gehabt – ich sehe sein Gesicht gerade zum ersten Mal. Bis jetzt war er für mich immer nur ein gelber Adler auf rotem Grund.
Wir sitzen zu dritt stundenlang zusammen und unterhalten uns über alles Mögliche: Bücher, Computerspiele, den Überwachungsstaat. Es ist merkwürdig, jetzt plötzlich mit den Beiden an einem Tisch zu sitzen. Sie sehen beide überhaupt nicht so aus, wie ich sie mir vorgestellt habe. Das könnte allerdings auch daran liegen, dass ich mir bis jetzt noch gar keine Gedanken darüber gemacht hatte, wie sie wohl aussehen. Klar, man fragt sich das schon manchmal, wenn man jemandem schreibt. Aber im Prinzip ist es ja auch irgendwie wieder egal. Genauso wie die Tatsache, dass meine Gegenüber ungefähr so alt ist wie wir anderen zwei zusammen. Wir haben Themen, die uns verbinden und über die wir uns austauschen können – das zählt. Dieser Effekt des Internets geht im Real-Life-Treffen nicht verloren. Es ist merkwürdig, die beiden plötzlich real zu treffen, aber nicht unangenehm. Ich glaube, die beiden könnten gute Freunde von mir werden. Wenn man nicht sagen will, dass sie das schon lange sind. Das ist das Dilemma unserer Generation: Wie sehr zählt das Internet als Teil des realen Lebens? Die Grenzen verschwimmen. Ich glaube, meine Oma wird das nie so ganz verstehen. Sie findet, dass ich viel zu häufig damit beschäftigt bin, auf meinem Smartphone herumzutippen. Aber ich bin absolut nicht der Typ Mensch, der stundenlang irgendwelche sinnlosen Games zockt. Hinter den meisten Twitteraccounts stecken “echte” Menschen, die mir wichtig sind. Die Entfernung ist da nur bedingt ein Hindernis. Außerdem: Nach der Schule werden sich die AbgängerInnen auch in alle Himmelsrichtungen verstreuen – sind das dann plötzlich keine “richtigen” FreundInnen mehr? Wohl doch. Dank der Erfindung von Telefon und Internet kann man Freundschaften schon lange nicht mehr daran festmachen, wie oft man sich trifft. Wir drei werden uns wohl so schnell auch nicht wieder sehen. Aber es ist egal. Wir haben eine Menge Spaß; ich verpasse meinen Zug, aber ich kann ja einfach den nächsten nehmen. Wir laufen durch die Innenstadt von Dortmund, setzen uns auf eine Bank. Die Themen gehen uns nicht aus; fast verpasse ich auch noch den nächsten Zug. Dann kommen wir aber doch genau pünktlich am Bahnsteig an. Wir verabschieden uns und ich steige ein. Tränenreich ist der Abschied nicht – aber wir sind ja auch sofort wieder via Twitter erreichbar. Inzwischen habe ich sogar die Telefonnummern der Beiden – fein säuberlich abgespeichert unter “Conja” und “Lukan Arthurion”.

Das Treffen mit Jan und Karin ist nicht das erste, sondern vielmehr das letzte dieser Art in der letzten Zeit. Vom 16.-19. August fand in Brandenburg das ÄnderDas!-Bündniscamp statt, wo ich endlich @LaraFriese kennen lernen konnte. Und natürlich prompt vergessen habe, dass sie gehörlos ist – auf Twitter kommunizieren ja alle nur schriftlich. Man gewöhnt sich aber schnell daran und es ist recht interessant, ihren Gesprächen auf Gebärdensprache mit ihren DolmetscherInnen zuzusehen. Und die beiden wichtigsten Gebärden kann ich jetzt auch: “Danke” und “Bier”.😉
Doch bei aller Meinungsfreiheit-Gleichheit-Flauschigkeit hat auch Twitter bekannterweise so seine Schattenseiten. Zum Beispiel das Elitentum. JedeR, der/die über 1000 Follower hat, ist ElitetwitterIn. Jedenfalls, wenn er/sie nie auf Mentions antwortet. Oder so. Fakt ist: Wenn jemand viele Follower hat, ist das schon irgendwie einschüchternd. Vor knapp eineinhalb Jahren habe ich mal @habichthorn auf einer Demo getroffen. – Auch das ist Twitter: Ein mit dem Kommentar “Ich gehe heute übrigens demonstrieren” versehener Link, die Erkenntnis “Oh, ich bin ja gerade in der richtigen Stadt und habe noch keine anderen Termine” und der spontane Entschluss, die Demonstration ebenfalls zu besuchen. – Sie anzusprechen, habe ich mich allerdings nicht getraut. Immerhin war sie damals so ziemlich die erste in meiner Timeline, die nicht für Cinema Bizarre schwärmte, Witze über ihre “Twittersucht” riss (Amüsiertes *NATÜRLICH hat sie ihr Smartphone dabei* meinerseits – ich hatte damals noch ein Samsung Star, das diese Bezeichnung definitiv nicht verdient hat, obwohl sie in der Produktbezeichnung steht.) und nervige Situationen “anprangerte”. Ich war gerade 15 geworden und sie hatte grüne Haare, die schon häufiger in der Tagesschau aufgetaucht waren, einen Wombat und ungefähr eine Milliarde Follower. Wobei das eigentlich natürlich Schwachsinn ist. Wem viele folgen, der ist schließlich trotzdem nur ein Mensch wie jeder Andere. Ich nehme an, dass ich sie irgendwann noch mal auf irgendeinem Parteidingens treffen und mich dann auch mit ihr unterhalten werde. Gegebenenfalls.
Allerdings bin ich auf das Eliteklischee schon wieder hereingefallen. Und zwar bei @christiansoeder, dessen Tweets in etwas mehr als 3000 Timelines landen und der auch auch dem ÄnderDas!-Camp war. Meine Ängste wurden aber schnell durch Wir-sind-hier-wo-bist-du-Replys zerstreut – und die Erkenntnis, dass er mir schon viel länger folgt als die meisten Reallifebekanntschaften in meiner Timeline.
Noch interessanter wird es aber ja, wenn man TwitterInnen im realen Leben gar nicht wiedererkennt, dann aber aufgrund ihrer veranstaltungsbezogenen Tweets zuordnen kann. Oder, wie es mir ebenfalls in Brandenburg passiert ist: Ich folge seit einiger Zeit @marcel_duda, der auf seinem Avatar Bart trägt und in seiner Bio den ultraseriösen Titel “Ratsherr” führt. Ihm saß ich einen ganzen Workshop lang gegenüber, schmunzelte über sein T-Shirt mit der Aufschrift “You like this” im Facebookstil, erkannte ihn aber nicht. Irgendwann sah ich dann in meiner Timeline, dass er auch auf dem Camp ist, und fragte ihn, wo. Mit seinem Hinweis, dass wir doch gerade erst zusammen über den Kapitalismus diskutiert hatten, konnte ich relativ wenig anfangen. Schließlich kam er dann grinsend auf mich zu (Wobei ich ja hoffe, dass er mich erkannt hat, ist der Tatsache zuzuschreiben, dass er meinen Freund kennt oder, dass er man mich in der Diskussion unter meinem Twitternamen auf die Redeliste geschrieben hatte, sonst würde das ja heißen, dass ich aussehe wie ein fetter Igel! ;P) und dann hab ich ihn auch sofort erkannt. Tjaaa, so ist das Leben zwischen den Welten.
Allerdings bin ich froh, dass es Twitter gibt. Ohne es hätte ich nämlich niemals meinen Bruder kennen gelernt. Oder besser gesagt hätte ich ihn zwar kennen gelernt, aber ohne die die familiäre Atmosphäre in dem Mettwerk wäre er vermutlich nicht mein Bruder geworden. Seelenverwandtschaft, you know. Vor kurzem habe ich ihn zum ersten Mal in seiner Studentenwohnung besucht – auch so ein “Aha, hier lebt er also in diesem Real Life”-Moment. Im Übrigen steckt Wismar voller Inspiration für die “Geierkinder”. Ich glaube, ich muss ihm noch mal einen Besuch abstatten. Dann können wir auch gleich das #twampfire nachholen…Ach nein, offenes Feuer ist ja auf den von uns favorisierten Plätzen leider verboten.
Ohne @paradoxson hätte ich aber wohl auch nie @laetty im realen Leben getroffen, obwohl ich das eigentlich schon vor drei Jahren vorhatte. Aber da war ich ja noch viel zu jung um einfach mal so fremde Leute zu besuchen (O-Ton meiner Mutter). Jetzt hat es dann glücklicherweise doch noch geklappt. Zu dritt sind wir durch Bremen gezogen, haben Klamotten gekauft, Karten gespielt und uns munter wild durcheinander mit Real Names und Twitternamen angeredet.
Den Abschluss meiner Rundreise im Zeichen den hellblauen Vogels bildete dann ein nettes Zusammentreffen mit einem Offliner. Am Abend des letzten Tages – der, den ich in Dortmund verbracht hatte – war ich notgedrungen mit leerem Smartphoneakku in den Zug nach Bad Oeynhausen gestiegen, wo ich bei einem Mitglied der Grünen Jugend übernachten wollte. Den Akku hatte ich im Laufe des Tages leergetwittert – ungeachtet der Tatsache, dass mir noch gar nicht ganz klar war, wo genau ich hinmusste. Ich hatte mir gedacht: Eine Steckdose oder jemand, der mir sein Handy – äh, Smartphone – ausleihen kann, findet sich sicher noch. Damit lag ich zum Glück richtig. Zwar gab es im Zug selbst zu meiner Enttäuschung keine Steckdosen, dafür in Bad Oeynhausen einen sehr hilfsbereiten Restaurantbesitzer, der kurzerhand einfach die Zierbeleuchtung auf der Fensterbank ausstöpselte, um mir dir Steckdose zur Verfügung zu stellen. Unter den etwas irritierten Blicken der anderen Gäste konnte ich so mein Smartphone aufladen und meinen Freund anrufen, der schon vor mir am Übernachtungsort angekommen war.
TwitterInnen auf der Suche nach einer Steckdose – im Netzwerk selbst längst ein Running Gag. Manchmal aber auch der kürzeste Weg, mit einem freundlichen Menschen in Kontakt zu kommen, auch wenn dieser nicht ständig ein kleines Gerät mit Apfel auf der Rückseite durch die Gegend trägt. In Zeiten, in denen uns Apps sogar anzeigen können, welche Facebookfreunde gerade in der Nähe sind, scheinen wir immer weniger auf Einheimische angewiesen zu sein. Im Fall Steckdosensuche zeigt sich aber, dass die Probleme im digitalen Zeitalter einfach andere sind. Und es gibt noch immer oder gerade jetzt Menschen, die einem einfach mal spontan und ohne einen zu kennen zur Seite springen. Danke dafür.

P.S.: Obwohl sich im Internet natürlich super gephotoshopte Bilder und Realitätsausschnitte verbreiten lassen, ist der Starkult ja keine neue Erscheinung des 21. Jahrhunderts. Für ihn gilt aber letztendlich das Selbe wie für die Twitterelite: Alles auch nur Menschen. Wenn auch ziemlich tolle. An dieser Stelle ein großes DANKESCHÖN an Tocotronic – ihr habt das Dockville gerockt!❤

Posted in: Alltagszeugs