“Huch, der ist schwul!?” Von einem alten Normativ, das immer noch herumspukt

Posted on June 22, 2013

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Ein gewöhnlicher Samstagmittag. Ich sitze im Wohnzimmer und lese den neusten Blogpost von spektrallinie. Er schreibt wie gewohnt richtige Dinge – mit dem Hinweis “Ein Blogpost aus meiner Sicht als Schwuler” im Untertitel. “Huch”, denke ich und checke noch mal ob das auch kein Gastbeitrag ist, “Jan ist schwul? Ich dachte immer, der wäre…” Mittendrin stocke ich. Kann ich diesen Satz wirklich ehrlich zu Ende denken? Habe ich bis jetzt wirklich gedacht, er wäre heterosexuell? Richtiger wäre doch, dass ich mir bis jetzt noch gar keine Gedanken darüber gemacht habe – schließlich ist Jan eh mehrere Jahre älter als ich und wohnt irgendwo am anderen Ende der Republik, daher ist das für mich eigentlich von keinerlei Bedeutung. Aber warum bin ich so überrascht?

Solche Situationen sind kein Einzelfall – leider. Mir fällt das immer wieder bei mir selbst auf, und es ärgert mich jedes Mal. Ich habe nicht das Geringste gegen Homo- oder sonstwie Nichtheterosexuelle, für gewöhnlich bekomme ich das nicht mal mit wenn man es mir nicht direkt sagt oder der*diejenige gerade vergeben ist. Ich finde es zum Kotzen, dass “schwul” immer noch häufig als Schimpfwort verwendet wird und manchmal als Verteidigung “Nur weil xy, ist er doch noch lange nicht schwul!” und nicht “Und wenn er schwul wäre – so what?!” kommt. Ich habe viele homo- oder bisexuelle Freund*innen, kämpfe mit der Grünen Jugend für queere Rechte, und wenn man mich fragen würde, bekäme man ganz sicher nicht die Antwort, dass Heterosexualität “normaler” ist als irgendeine andere Sexualität. Und doch ist da noch diese althergebrachte Denkstruktur, die mir im täglichen Leben eintrichtert: Ach, die sind doch sicher eh alle hetero. Gerade weil man es Schwulen*Lesben in den meisten Fällen eben nicht anmerkt.

Ein zweites Fallbeispiel:

Ich verstehe schwule Timelines nicht.

— Dennis Morhardt (@gglnx) March 3, 2013

 

Ich wusste zu dem Zeitpunkt noch nicht, dass Dennis selbst auch schwul ist, und regte mich über die Tweets auf, die irgendwie einen homophoben Unterton zu haben schienen. Auf die Idee, sie mal von der anderen Seite zu betrachten, kam ich natürlich nicht.

Ich erinnere einige Jahre zurück, als ich großer Fan einer Boygroup war und es plötzlich hieß, der Sänger sei schwul. Diese Behauptung hatte mich damals im ersten Moment ziemlich schockiert – bis ich schnell feststellte: Ähm hey, das kann dir total egal sein, du wirst sowieso niemals mit ihm zusammenkommen und wen er dann liebt ist ja nicht deine Sache –, aber ich kann mich nicht auch nur an einen völlig irrationalen Grund erinnern. Rückblickend glaube ich: Genau genommen war ich nur geschockt, weil es mir von Anderen so vermittelt wurde. Und es mein bis dahin wohl erster wirklicher Kontakt mit dem Thema Homosexualität war.

An Tagen wie heute wünsche ich mir, ich wäre anders aufgezogen worden; es wäre mit dem Thema Homosexualität offener umgegangen worden. Dafür gab es aber eben keinen konkreten Anlass, deshalb ließ man es bleiben. Ich will um Himmels Willen meinen Eltern keine Schuld geben – sie sind es schließlich selbst einfach nicht anders gewohnt gewesen. Aber es ist traurig, dass aus “gewöhnlich” so einfach und unterbewusst “normal” wird.

Und gerade deshalb sollte Nichtheterosexualität auch “gewöhnlich” werden – im Alltag genauso gegenwärtig und offen besprochen und dargestellt wie Heterosexualität. Ich will nicht in einer Gesellschaft leben, in der ich Angst habe, über Nichtheterosexualität zu reden, weil vom Gegenüber ja doch ein homophober Spruch oder zumindest ein “Mhhh irgendwie komisch/Versteh ich nicht” kommen könnte. Ich will in einer Gesellschaft leben, in der es endlich egal ist, welche Sexualität jemand hat – wirklich.

Posted in: Meinung